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Plötzlich finden wir uns in einem Land wieder, welches es gar nicht gibt! Und: Wir werden völlig abgezogen in einem moldawischen Weingut

Wir müssen weg vom Pool, es muss jetzt mal weitergehen! Nach einem letzten Abend mit lokalem Sekt zum Sonnenuntergang auf dem Steg, geht es nach knapp einer Woche im Touristenkomplex in die Hauptstadt Moldawiens, nach Chisinau. Die Stadt sagt uns nicht viel, wir sehen keine schönen Ecken (um ehrlich zu sein wirkt es ziemlich hässlich, zumindest an der Oberfläche), Sehenswürdigkeiten können wir auch keine entdecken, also fahren wir gleich wieder raus. Die Suche nach einer Töff-Werkstatt war ebenfalls erfolglos (die Stossdämpfer sind kaputt, verlieren Öl), es ist heiss und da wir nicht wissen, was wir in der Stadt machen sollen, fahren wir zu einem kleinen See ausserhalb der Hauptstadt. Hier ist es schön, einsam, und wir haben einen tollen Platz unter schattenspendenden Bäumen. Wir kochen auf unserer Aussenküche, trinken moldawischen Wein und haben schöne Gespräche… Auch den nächsten Tag verbringen wir noch hier, Reto hat viel Arbeit.

Irgendwie überzeugt uns Moldawien nicht, daher machen wir uns auf Richtung Ukraine – da stehen wir, völlig unvorbereitet und verwundert, an einer Grenze! Was soll das? Ich schaue auf google maps, aber da ist keine Landesgrenze auf der Landkarte…aber vor uns, da steht ein russischer Panzer und ein Grenzschild, es ist viel Militär zu sehen – sowie nur noch kyrillische Schriftzeichen! Wir werden angehalten, reto muss raus, ich bin am Handy – und jetzt darf ich das ja eigentlich nicht schreiben (reto hat es mir verboten, aber ich schreibe gerne, wie es wirklich war, selbst wenn das peinlich ist), aber wir sind in Transnistrien! Und wir wussten das nicht, waren nicht darauf vorbereitet (wenn ihr uns näher kennt wisst ihr, dass wir beide keine grossen Planer sind, aber das ist jetzt selbst mir ziemlich peinlich). Transnistrien, welches eine eigene Währung hat und die Einheimischen den transnistrischen Pass, das ist Gebiet in Moldawien, begrenzt durch den Fluss Dnister, welches von Separatisten regiert wird, von den Russen unterstützt. Kein Land der Erde, nicht mal die Russen!, erkennen dieses Land an. Auch die Halbinsel Krim, in der Ukraine, wird aktuell von den Russen annektiert. Während die Krim eingegliedert wurde in die Russische Föderation, ist der Antrag Transnistriens wohl bis heute unbeantwortet geblieben.

Die Grenze ist also keine wirkliche Grenze! Aber, die Uniformierten sehen das überhaupt nicht so, da ist nicht zu spassen. Sie sind sehr höflich, behandeln uns gut. Aber, für mich gilt: das hier ist gar keine echte Grenze. Aber: wir müssen Maut bezahlen, bekommen ein Visum!, und die moldawische Währung wird hier nicht akzeptiert, denn es gibt eine eigene!. Zum Land: Transnistrien besitzt wohl Kurzstrecken-Raketen, und bei der «Erwachsenentaufe» muss der Gläubige in ein kreuzförmiges Eisloch springen, danach gibt’s einen Schluck Vodka…

Laut Recherche ist Transnistrien ein extrem korruptes Land. Schade, wenige profitieren immens und bekleiden Sitze in der Regierung, die meisten jedoch, die Bevölkerung, ist arm.

Die Russen an der Grenze sind zwar sehr freundlich, aber wir ziemlich schockiert. Wir haben ein Visum für 24 Stunden bekommen. Im nächsten Miniladen ist eine Wechselstube integriert, und schon sehe ich russisch aussehende Kirchen. Na, wer muss denn da nach Russland! Alles ist auf kyrillisch angeschrieben, auch die Verkehrsschilder. Wir kommen in die «Hauptstadt» Transnistriens, Tiraspol, und es fühlt sich an wie Russland! Und wir, völlig unvorbereitet 😊… Fasziniert und immer noch leicht schockiert (ich zitiere Reto: «sa, das darf uns aber nicht mehr passieren auf der restlichen Reise!!!») finden wir einen Platz am Fluss Dnister, es hat viele Fischer und auch sonst viele Touristen. 10 Meter über dem Fluss ist wieder Moldawien. Interessant und dubios. Wir lesen über die Geschichte Transnistriens. Ich füge euch noch einige Links zu Transnistrien ein:

https://www.geo.de/reisen/reiseziele/8799-rtkl-transnistrien-besuch-einem-moechtegern-staat

https://www.nzz.ch/international/pragmatischer-alltag-der-ehemaligen-kriegsgegner-in-der-moldau-wir-haetten-besser-nicht-gekaempft-ld.147881

https://www.nzz.ch/international/europa/der-eingefrorene-konflikt-in-der-moldau-haarrisse-im-pakeis-des-dnjestr-ld.104785

https://www.dw.com/de/transnistrien-eine-offene-wunde-im-osten-europas/a-48717307

Am Fluss herrscht apokalyptische Stimmung. Riesige Bauten sind leer, längst verwildert. Der Fluss jedoch ist toll, reissend und breit, der Sonnenuntergang wunderschön.

Da wir lediglich ein 24 Stunden Visum erhalten haben, möchten wir ausreisen, in den Süden Richtung Schwarzes Meer, zurück nach Moldawien (denn hier wollen wir noch ein Weingut besichtigen), welches nahe an der ukrainischen Grenze liegt. An der transnistrischen «Grenze» dann, wollen sie uns nicht ausreisen lassen! Was soll das? Der Grenzübergang ist gefürchig, das Militär ist uns nicht wohlgesonnen, sie sind sehr unfreundlich. Wir beratschlagen uns, und reto geht noch einmal raus, um nochmal nachzufragen, weshalb wir nicht ausreisen dürften – und da ist sie wieder, unsere Naivität, die ich ja mag, manchmal aber auch echt blöd ist – natürlich sind die Grenzer einfach nur korrupt und wollen Geld, damit sie uns ausreisen lassen! Wieviel sie dann jedoch verlangen, verschlägt uns die Sprache. 70 Euro! Das ist mehr als ein Monatseinkommen in Transnistrien! Frechheit. Wir sind stinkesauer und fahren weg. Das lassen wir uns nicht gefallen. Ich möchte eh nicht schmieren, auf der ganzen Reise eigentlich nicht, das habe ich mir vorgenommen…

Zur nächsten Grenze. Hier sind die Grenzer, wie am Vortag, sehr freundlich und «korrekt», wir dürfen problemlos ausreisen. Charmante Korruptionsversuche gibt es auch hier, die liessen mich jedoch schmunzeln und waren eher sympathisch (sie würden fremdländische Währungen sammeln, ob wir etwas dabei hätten 😉…). Auf der moldawischen Seite jedoch ist die Einreise nicht so schnell erledigt – denn hier sind die Grenzer fasziniert von Mog, und gefühlten 1.000 Fragen später und 10.000 geschossenen Fotos 😊 dürfen wir weiterziehen… lieber natürlich so, da haben wir ja auch immer Freude!

Auf dem moldawischen Weingut «Purcari» angekommen, geniessen wir hauseigenen Wein und Sekt und haben ein schönes Abendessen. Anständig, wie reto ist, will er fragen, ob wir hier übernachten dürfen, auf dem Parkplatz im mog. Ich bin ja dagegen, wir konsumieren für viel Geld, und schaden ja niemandem oder verursachen Kosten, wenn wir im mog auf dem Parkplatz schlafen, und Platz hat es auch genug. Doch reto will fragen, ich finde das ja einen schönen Zug an ihm, und die Managerin sagt 100 MDL (ca. 5 Euro). Während ich mich schon ärgere, weil ich das unverschämt finde, frägt reto nochmal nach, ob sie 100 MDL meinte, sie bestätigt, und daraufhin er nochmal «okay, 100 MDL is fine for us, thank you». Nach kurzer Paardiskussion, in der ich mich wütend äussere über die 5 Euro (für was, frage ich mich!), findet reto die 5 Euro fair.

Als wir zurück in den mog kommen ist Chilly schon ganz aus dem Häuschen, er freut sich immer wahnsinnig, wenn wir da sind und ist sehr anhänglich. Am nächsten Morgen wollen wir abfahren Richtung Ukraine, zuvor kaufen wir jedoch noch Wein und Sekt von Purcari ein, und wollen die Übernachtung zahlen. Und hier die Überraschung – plötzlich wollen sie 1.000 MDL (also mehr als 50 Euro!) für die Übernachtung im mog auf dem Parkplatz. Ich frage wütend, aber sehr höflich nach, schliesslich will ich das nicht bezahlen, und die Managerin vom Vorabend meinte nur «yes, maybe I said 100 but I meant 1.000»). Wow. Ich verlange den Manager, sie sagt, dies sei nicht möglich.

Ich bin wahnsinnig wütend. Auf meine Mail später an Purcari meinten diese nur, warum ich mich nicht vor Ort beschwert hätte, dann hätte man dies vor Ort lösen können…

Nicht zum ersten Mal fällt mir auf, dass in ärmeren Ländern die teuren Orte nicht die angenehmsten Orte sind. Diese Erfahrung mussten wir ja z.B. schon in der Therme in Bukarest machen.

Bei uns, da merke ich keine so starken Unterschiede. Aber mir scheint, je ärmer das Land, desto unangenehmer sind die Reichen und die poshy Orte. Ich finde das ja total schade! Was hat Geld mit Mensch-sein zu tun? Und eben, in unseren Ländern ist, finde ich, diese Beziehung nie so offensichtlich (heisst nicht, ist diese Beziehung nicht auch gegeben!), aber ich finde, je östlicher wir gegangen sind, desto stärker fiel mir dies auf. Ich denke, in diesen Ländern geht es viel um Prestige, Status, Show-Off. Entsprechend ist die Klientel an diesen teuren Orten, und entsprechend verhalten sich auch die Angestellten. Schade. 

Ärgern bringt jedoch nicht viel, und so halte ich reto nur einen kurzen Vortrag, dass sein Anstand «blöd» und «doof» und eben zu anständig ist. Der Arme 😉.

Also blicken wir nach vorne, und auf geht es in die Ukraine!

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