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Wieder auf der Strasse – Und: Wir dürfen Raketen auf die USA abfeuern!! – Und: Grosser Schrecken in Kiew – Bericht vom 27.09. bis zum 05.10.2019:

Die Autobahn von Odessa in die Ukraine ist wirklich in einem super Zustand, verwirren tun uns nur die Zebrastreifen auf der Autobahn, die U-Turns, die man alle paar Kilometer machen kann, die Bushaltestellen (!), die zahlreichen Verkaufsstände (!) auf der Autobahn, Feldwege führen auf die Autobahn und von der Autobahn ab… da merke ich: ich bin tatsächlich eine Deutsche! Es ist unglaublich 😊

Wir finden, wie so oft, erst bei Dunkelheit einen Platz abseits der Autobahn, und sind gespannt, wie es da morgen früh aussehen wird. Bei Sonnenschein und Wärme sehen wir, wir sind an einem kleinen See.

Auf der Weiterfahrt fahren wir an einer alten, verlassenen Mühle am Fluss vorbei – ist das eine apokalyptische Stimmung! Richtig schön! Wir betreten die Mühle, aber vorsichtig, sie sieht schon ziemliche marode aus. Alles ist voller Müll, eine riesige Müllhalde. Trotzdem beeindruckend.

Weiter geht’s zu einem Raketenmuseum (https://www.youtube.com/watch?v=K12Barg0j8A), welches bis zum Jahr 2000 tatsächlich noch eine aktive Raketenbasis der Ukraine war, eine Raketenabschussanlage. Sie hatten bis dahin zehn Atomraketen, jede von ihnen lag in unterirdischen Silos versteckt. Weiterhin hatten die Ukrainer noch 75 weitere Raketen, die irgendwo in der Region in Unterwassersilos schwebten … Solche Orte sind immer beeindruckend, und die Soldaten, die damals hier stationiert waren, führen heute die Besucher übers Museumsgelände, und sind wahnsinnig freundlich, herzlich, lachen viel. Ich kann das gut verstehen, als wir das Museum (den unterirdischen Teil) besuchen: mussten sie hier zuvor tagelang unter der Erde auf beengtem Raum zusammen leben, sind sie jetzt viel freier, viel mehr an der Sonne. Und die dümmlichen (😊) westlichen Touristen lachen viel, haben gute Laune, dann ist das ja auch für die Soldaten schön.

Wir dürfen in den Kommando-Raum, Reto und ich, der liegt unterirdisch, 40 Meter unter der Erde, 12 Stockwerke mit dem Aufzug geht es unter die Erde. Wir dürfen den Abschuss von zehn Raketen simulieren (ich bin dabei der Oberbefehlshaber, die «Nummer 1», der Soldat hat es gleich richtig erkannt, während Reto auf dem Platz von «Nummer 2» Platz nehmen darf 😉)… nur wenn wir gemeinsam die Knöpfe drücken, werden die zehn Raketen abgeschossen! Cool! Wir drücken also die Knöpfe, alle Lichter blinken und Alarm geht los, und der ukrainische Soldat brüllt glücklich und voller Passion «Goodbye America!». Ich gebe zu, ich muss tatsächlich ebenfalls lachen.

Wir dürfen die Schlaf- und Wohnräume anschauen, alles auf kleinstem Raum, mit Röhrenfernseher, unbequemen, schmalen Betten, mini-Schränken. Echt beängstigend, alles so eng und nur durch künstliches Licht beleuchtet. Am Ende darf ich sogar noch im Kühlerraum die Kühlung (für die Atomraketen) aktivieren – cool, ist das ein Lärm!

Auch auf dem Aussengelände ist es richtig spannend: viele Raketen (auch vier riesige Interkontinentalraketen) sind ausgestellt (das Kernstück des Museums heisst doch tatsächlich «Satan», und ist die grösste Sowjetrakete, in Kasachstan wurde diese hergestellt), Abfangraketen, Torpedos, Panzer, Helikopter, Kampfjets, aber am beeindruckendsten sind die Transport-Lastwägen für die Raketen, die sind immens riesig, die krieg ich gar nicht auf das Foto!! Alles in allem, sehr beeindruckend, die Soldaten wahnsinnig nett. Eines der coolsten Museen, in denen ich bisher war! Unseren Wassertank dürfen wir dort auch auffüllen, und wir lassen den Tag auf einem weiten Feld bei Aperol Spritz und Käsespätzle 😊 ausklingen…

Am nächsten Tag fahren wir bei kaltem, grauen, regnerischen Wetter weiter nach Kiew, erreichen die Stadt in der Dunkelheit. Wir fahren ziel- und planlos durch die Gegend, finden keinen guten Platz, und landen schliesslich in einem Waldstück in einem Park. Da ist es ziemlich dunkel, und gruselig, aber es ist schon spät und wir brauchen einen Schlafplatz. Erwähnen sollte ich vielleicht noch, dass da ein Fahrverbot war, in den Park hinein. Wir sind trotzdem reingefahren. Als ein weniger später ein voll beladener Wagen voller Polizisten kommt, lachen die nur, wollen unsere Pässe sehen, sind sehr freundlich und interessiert. Klar wollen sie keinen Führerschein stehen, wir stehen ja im Fahrverbot und sind natürlich nicht reingefahren, sondern haben den Mog selbstverständlich im Fahrverbot getragen… 😉

Am nächsten Morgen ist es dunkel in dem Wald, nass und kalt. Unsere Dieselheizung ist immer noch kaputt, und wir frieren. Daher fahren wir eine neue Dieselheizung kaufen. Es ist eine Planar (russisches Fabrikat) und kostet keine 400 Euro, die Leute in der Filiale wahnsinnig nett. Wir sind gespannt! Weiter geht’s unsere Pässe bei der Schweizer Botschaft abholen, unsere Zweitpässe mit dem Russlandvisum. Wir finden immer noch keinen guten Schlafplatz, fahren daher zu dem Platz der Vornacht. Hier steht aber schon ein LKW (im Fahrverbot!), also fahren wir ein paar Meter weiter, vor ein verlassenes Restaurant, da ist dann auch Sackgasse. Es ist noch gruseliger als an dem anderen Platz, und eine komische, negative Stimmung. Komische Gestalten lungern auch herum, wir fühlen uns nicht wohl. Aber unsere Hupe ging auf dem Erledigungstrip kaputt – was bedeutet, es hupt ohne Unterlass! Während reto versucht, die Hupe zu reparieren (danke Stefan, und Sonja, für eure Hilfe!) ist Teddy alleine draussen, unangeleint. Ich sehe gerade noch, wie sie begeistert Fussgänger begrüsst, die sich an ihr freuen. Keine zwei Minuten schaue ich wieder raus, etwa zeitgleich mit reto – und Teddy ist weg. Wir rennen rufend durch den Wald, aber da ist keine Teddy. Das Spaziergänger Pärchen von zuvor hört mich rufen, kommt zurück und erzählt mir, Teddy sei etwas mit ihnen gelaufen, aber dann wieder umgekehrt und zum mog zurückgerannt. Aber da kam sie nie an. Wir werden panisch, machen uns Sorgen. Mittlerweile ist es dunkel. Wir trennen uns, suchen Teddy getrennt, so können wir mehr Fläche absuchen. Wir laufen laut rufend durch den Wald, den Park, suchen Strassen und Plätze ab. Ich werde angesprochen, ebenfalls spreche ich Menschen an, zeige Fotos von Teddy. Aber keine Spur von Teddy! Mittlerweile ist sie schon lange verschwunden, es wird kalt, beginnt zu regnen. Wir machen uns erneut auf die Suche, aber ohne Erfolg. Ich gehe nochmal alleine los, reto geht kurz darauf ebenfalls los, eine andere Strecke. Keine Teddy. Zum Glück liegt sie auch nicht verletzt oder tot an den Strassen.

Wir melden Teddy bei Tasso als vermisst, sie ist gechippt, ich schreibe Radiosender an, kontaktiere Tierhilfsorganisationen in Kiew… die Polizei kommt vorbei, wir melden Teddy als vermisst. Reto postet auf den sozialen Netzwerken, instagram und facebook. Auch Tasso ist eine Riesenhilfe, wir telefonieren, sie schalten eine Vermisstenmeldung nach Teddy. Mittlerweile ist es Mitternacht, wir gehen ständig vor den Mog, aber keine Teddy. Wir haben ihre Decke, Fress- und Trinknapf rausgestellt. Aber sie kommt nicht. Ich bin verzweifelt, habe keine Hoffnung. Reto hingegen, er hofft und glaubt, dass Teddy zurückkommt. Ich mache mir nur Vorwürfe.

Wir gehen ins Bett, können aber nicht schlafen. Auch Chilly wirkt verloren. Wir schauen einen Film, um uns abzulenken, da piepst retos Handy, gegen 2 Uhr nachts. Ich höre reto laut schreien «Wir haben unsere Teddy wieder», er ist aufgeregt, kann nicht weiterlesen, was auf seinem Handy steht, wirft es mir zu. Ich überfliege die Nachrichten, sehe Fotos von Teddy, Videos. Die Nachrichten stammen von Julia, aus Kiew. Sie schreibt, dass sie glaube, unseren Hund gefunden zu haben. Ich antworte sofort, ob wir vorbeikommen dürfen, kurz darauf schickt sie ihren Standort und ein «natürlich!». Wir machen den mog in Windeseile parat, fahren los, Julia wohnt keine 2 km von unserem Parkplatz entfernt. Teddy sieht den mog, uns, die Wiedersehensfreude ist gross, Chilly kommt raus, die beiden begrüssen sich herzzerreissend.

Wir sind so erleichtert und froh, überglücklich. Und Julia, eine junge Ballerina von der Krim-Halbinsel, die in Russland gelernt hat, jetzt aber in Kiew lebend, erzählt:

Sie habe Teddy auf der Strasse gesehen, wie sie im Verkehr zwischen den Autos umhergerannt sei (die Strasse ist nicht weit entfernt vom mog, und Teddy kann, laut Julias Zeitangaben, noch nicht lange alleine unterwegs gewesen sein). Sie sei verwirrt und verängstigt gewesen. Da habe Julia angehalten, und sie ins Auto gelockt. Sie ist dann mit ihr heimgefahren, hat eine Leine geholt (Julias Mutter hat Hunde), und sei über zwei Stunden in dem Park umhergelaufen mit Teddy, in der Hoffnung, die Besitzer zu finden oder jemanden, der den Hund von Spaziergängen im Park kenne). Doch niemand hat Teddy erkannt, noch habe Teddy jemanden erkannt. Was Julia auch verwirrt hat war, dass Teddy keine Befehle auf russisch verstanden habe, nicht reagiert hätte… Wieder daheim, habe sie im Internet «lost dog in Kiew» eingegeben, und sofort sei Teddys Bild mit Suchmeldung erschienen – retos facebook post! Der verwies auf unser Instagram-Profil, und da war retos nummer hinterlegt! Und schon hatte sie uns angeschrieben.

Was ein Glück! Wir schenken Julia eine Flasche von unserem besten Champagner, bedanken uns, und fahren zurück zu unserem Schlafplatz. Auch wir stossen mit einer Flasche Sekt an, und fallen dann müde, aber überglücklich, ins Bett…

Als wir am nächsten Tag erwachen, es ist Mittag, freuen wir uns immer noch. Teddy schläft bis in den Nachmittag, ist total fertig. Bei Sonnenschein machen wir noch einen Spaziergang zu dritt über den Fluss, zu einem Strand. Teddy ist vergnügt und glücklich, tobt umher. Unser Satz des Tages lautet «zum Glück haben wir unsere Teddy wieder!».

Am Abend, uns ist kalt und wir konnten schon lange nicht mehr duschen, mieten wir uns ein «Stundenzimmer»: eine Stundensauna! 😊

Die «Stundensauna» haben wir ganz alleine für uns, und besteht aus einem komplett puffroten Raum (mit Bett, Dusche, WC), einem riesigen Wohnzimmer mit Mega-Couch, Fernseher, Kühlschrank mit Drinks, und einem dritten Raum mit Dusche, Whirlpool (kaputt!) und Sauna… ist das cool! Wir duschen ewig, hüpfen auf dem Bett rum, saunieren, duschen, geniessen das Sofa! Genau – wir geniessen das Sofa. Fläzen uns darauf, trinken Drinks, schauen Fernseh. Was ein Luxus! Später, es ist schon gegen Mitternacht, finden wir einen neuen, tollen Stadtparkplatz, an einem Park, neben dem Präsidentenpalast und dem Staatstheater. Es ist sehr ruhig, alle Plätze sind frei.

Die kommenden vier Tage erkunden wir Kiew. Es ist eine lebendige, positive Stadt. Wir gehen gut essen, es hat grosse Plätze (es war ja früher kommunistisch) und immer wieder Demonstrationen.

Klar, in der Ukraine passiert viel. Es gibt die Krise auf der Krim-Halbinsel im Schwarzen Meer, es gibt zwei Regionen im Land, die von Separatisten besetzt sind, der ukrainische Präsident und Trump haben zu viel miteinander gesprochen… 😉

Entsprechend viel Militär ist daher die Tage auch um unseren mog herum zu finden, Ural LKWs voll mit ukrainischem Militär parkt neben uns, wartet auf Einsatz, sollte es eskalieren. Sie sind sehr freundlich. Und zum Glück müssen sie auch nicht ausrücken.

Drei Tage, nachdem Julia Teddy gefunden hat, laden wir sie zum Abendessen ein. Teddy erkannt Julia, freut sich sehr – oder freut sich Julia mehr? Es ist schwer zu sagen, und auch nicht wichtig 😊. Es ist ein cooler Abend, Julia erzählt viel von der Ukraine, der Krim (wo sie aufgewachsen ist), und von Russland, denn in Moskau hat sie Ballett studiert. Ein cooler Abend. Und danke Julia, hast du Teddy und dann noch uns gefunden!!

An unserem letzten Tag in Kiew besuchen wir die heiligste religiöse Stätte des Landes – ich will die Mumien der Mönche sehen, die heute noch in unbeleuchteten, unterirdischen Gängen zu finden sind. Wenn das nicht mal sehenswert ist! Am Eingang gibt es Kerzen, die Gänge sind eng und dunkel, es ist entsprechend trocken. Die toten Mönche liegen in Särgen aus Glas, bedeckt, man sieht nur ihre Hände. Viele Gläubige beten, es ist ein faszinierender Ort. Gerade als Atheist, da frage ich mich, was lässt Menschen glauben? Ich war schon immer neidisch auf Menschen, die glauben können. Würde ich es mir wünschen können, ich wäre auch gläubig.

Kiew scheint uns nicht wirklich hold zu sein. Obwohl wir aus der heiligen Stätte schon raus sind, will ich nochmal rein, auf den Glockenturm einer Kirche steigen… da stehe ich dann, oben, mache ein Foto – und schwupps, ist mein Handy aus der Hülle gerutscht und rauscht nach unten… dann der Knall. Wir rennen nach unten, Ukrainer kommen uns aufgeregt entgegen, ich hätte sie schier erschlagen. Unten liegt das Huawei, komplett zerstört, gebrochen, gebogen. Ich kann meine SIM-Karten retten, bin wütend und – wütend!!! Auf mich selber. Zum Glück sind wir in Kiew, ich kriege ein neues Huawei (ich finds doof, reto hat komischerweise Freude – er ist einfach nur toll!)… ich will nicht ins Detail gehen, ich wollte das eh im Wochenbericht weglassen, aber reto hat es sich gewünscht, dass ich es erwähne!

Zum Schluss lassen wir noch Chillys letzte Impfung machen (ich habe das Gefühl, sie wächst minütlich, ist mittlerweile ein richtiger Brummer, aber kerngesund), und schon geht’s raus aus Kiew: nach Tschernobyl….

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