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Einreise in die grösste Föderation auf der Erde (wer bitte, muss bei dem Wort «Föderation» nicht an Star Wars denken?!) – Und: Palmen am Schwarzen Meer und das «Zermatt Russlands» liegen hier nur einen Katzensprung voneinander entfernt – Und: Atemberaubende, menschenleere Offroad-Pisten im Kaukasus – Und: das Matterhorn liegt ja in Russland, im Kaukasus!! Und: Endlose Fahrtage im grössten Land der Erde Bericht vom 10.10. bis zum 28.10.2019. Danke, Russland, du warst eine echte Überraschung! Wir kommen wieder!

Russland Teil I

Über 7 Stunden dauert die Einreise in die grösste Föderation der Erde.

Die Ausreise aus der Ukraine gestaltet sich «unfreundlich», die Beamten sind eher unhöflich, die anderen Reisenden sind mühsam, drängen sich vor, es herrscht eine negative Stimmung.

Bei der russischen Grenze jedoch, ein ganz anderes Bild: Die Russen an der Grenze sind wahnsinnig freundlich und hilfsbereit, jedoch müssen viele Stationen «gemeistert» werden, und diverse Formulare mehrfach von Hand ausgefüllt werden – mehrfach übrigens auch, weil uns die Papiere mehrmals zurückgegeben werden mit den Worten «das habt ihr falsch ausgefüllt» – denn überraschenderweise hängen an der Grenze Anleitungen, wie man die Formulare auszufüllen hat 😉, und wir Naiven wollten unsere Angaben eben wahrheitsgetreu machen… jeder Grenzbeamter ist sehr hilfsbereit und sehr sympathisch, man fühlt sich richtig willkommen, das ist ein schönes Gefühl. Hier beschleicht mich bereits das erste Mal das Gefühl, dass Russland anders werden würde, als ich erwartet hätte (ich muss anmerken, dass ich ja die Schwarzmeer-Fähre nehmen wollte, Russland auslassen. Ich hatte, vor dieser Reise, kein besonders positives Bild von Russland. Reto jedoch wollte lieber den Landweg via Russland nach Georgien fahren, statt den Wasserweg mit dem Schiff zu nutzen). Und hier stehen wir nun, wir, ohne ein Wort Russisch oder Wissen um die kyrillische Schrift, und die Russen – die finden es einfach nur toll, kommen da «Autotouristen» an die Grenze. Das haben sie wohl selten, und der mog erregt auch Aufmerksamkeit. Muss ich zurücksetzen, weil keiner der Beamten weiss, wo wir hingehören (Bus, PkW, LKW…?), springen die Busfahrer heraus und winken mich, während ich rückwärtsfahre (die wissen ja zum Glück auch nicht, kann ich tatsächlich nicht rückwärtsfahren!). Ah, und viele sprechen Deutsch: so sass ich beispielsweise alleine im Unimog, vor dem Röntgengerät für die Fahrzeuge, und stand an. Der Beamte kam, und wollte den mog röntgen, denn wir wären an der Reihe. Ich hatte jedoch noch nicht alle Papiere, und habe das mit Händen und Füssen versucht zu erklären, begleitet mit einem entschuldigenden «Niet Russki». Da sagt doch der Beamte in astreinem Deutsch «Mist, dann muss ich jetzt halt Deutsch reden» und grinst mich an… 😊

Generell haben wir an der Grenze eben das Problem, ob wir zu den Personenkraftwagen müssen, zu den Bussen, zu den Lastkraftwagen… wir fahren mal zu den Lastkraftwagen, da ist plötzlich Schichtwechsel an der Grenze, und wir warten ca. anderthalb Stunden, ohne zu wissen, wann es weitergeht. Die anderen LKW-Fahrer sind sehr nett, sie sind die Wartezeiten wohl auch gewohnt, auf unser Fragen, wann denn der Schichtwechsel so «traditionell» beendet sei, zucken sie nur mit den Schultern und lachen. Es gibt die ersten grossen, amerikanischen LKWs mit langer Schnauze, von Ford, Peterbuilt und Freightliner.

Wie schon erwähnt, müssen Formulare mehrfach ausgefüllt werden, und auf jedem Formular müssen verschiedene Stempel gestempelt werden. Das ist interessante, wir verstehen das System nicht, es ist zu undurchsichtig.

Eigentlich sollte der Unimog geröntgt werden, doch irgendein hoher Beamter «schleust» uns daran vorbei, einfach, damit es schneller geht, da wir uns ja schon seit Stunden an der Grenze befinden… das ist sehr freundlich, zu verbergen hätten wir jedoch nichts gehabt, aber wir freuen uns, dass wir kurz nach Mitternacht in Russland einreisen können! Sieben Stunden ging es insgesamt, Ausreise aus der Ukraine bis zur Einreise nach Russland!

Wir fahren an eine Tankstelle, essen noch etwas, und suchen uns einen Platz auf einem Feld. Wir können es kaum glauben, wir sind in der russischen Föderation. Dem grössten Land der Erde!

Unser Visum ist nur 30 Tage gültig, und wir sind 10 Tage nach Visumsgültigkeit eingereist, und müssen ca. 3.000 km zurücklegen, bis wir nach Georgien ausreisen können. Das bedeutet, keine 20 Tage (Puffer sollte ja auch eingeplant werden!) für den Südwesten Russlands. Denn Grenzregionen bedeuten nicht unbedingt Grenzübergänge an jeder Strasse, wie wir es von Deutschland oder der Schweiz gewohnt sind. Im Falle von Georgien und Russland gibt es bspw. ein Gebiet, Abchasien, welches nicht von der georgischen Regierung kontrolliert wird, daher kann man von Russland am Schwarzen Meer entlang nicht nach Georgien einreisen, da dies einen illegalen Grenzübertritt darstellen würde aus georgischer Sicht. Wäre dies nicht der Fall, wäre die Strecke von der Ukraine über Russland nach Georgien eine weitaus kürzere Strecke, aber im Falle von Georgien ist die Einreise von Russland nur über die sogenannte Heeresstrasse möglich (diese Strasse spielte in vielen Kriegen eine wichtige Rolle), welche durch den Grossen Kaukasus führt, und ziemlich weit östlich liegt.

So folgt ein langer Fahrtag einem weiteren langen Fahrtag. Die Landschaft ist «weit», die Strassen leer. Wir essen mit LKW-Fahrern in den sogenannten «Kantinen», das ist günstig und gut. Uns fällt auf, dass die Russen tatsächlich gerne Vodka trinken (zu jeder Tageszeit, wie wir feststellen), und sehr gesellig, gastfreundlich und lustig sind. Wir fahren zum Beispiel in einen Ort, in dem LKW-Fahrverbot ist. Gilt ja für uns nicht, wir sind ja ein Wohnmobil, das sieht man ja aber nicht unbedingt von aussen. Später sitzen wir also in der Kantine des sympathischen Ortes, werden zu Vodka eingeladen, am Mittag (den wir natürlich dankend ablehnen, wir müssen ja fahren!), da kommt der Bürgermeister vorbei und zwei Polizisten, und erzählen uns, sie hätten uns mit unserem LKW vorhin im LKW-Fahrverbot gesehen, aber dass das natürlich kein Problem sei, dass wir mit unserem LKW gerne in das Fahrverbot fahren dürften… wir wundern uns über diese Freundlichkeit, und lachen mit 😊, während sie den Vodka nachgiessen.

Wir fahren also und fahren und fahren. Und wir fahren! Wir möchten nach Sotschi (ihr erinnert euch: Sotschi war der Austragungsort für die Olympischen Winterspiele 2014). Sotschi liegt am Schwarzen Meer, gleich dahinter die Berge des Kaukasus, Sotschi liegt am Ende einer kurvigen Bergstrecke, für 100 km benötigen wir über 5 Stunden.

Sonderbare Kfz-Kennzeichen wie «RSO» (Südossetien), «ABH» (Abchasien), beide verboten in Georgien, finden sich auf den russischen Strassen. Diese beiden abtrünnigen georgischen Regionen erkennen ihrerseits auch keine georgischen Kennzeichen an.

Was ebenfalls auffällt auf russischen Strassen: überall sind am Strassenrand riesige Putin-Poster zu sehen: auf diesen posiert Putin mit Sonnenbrille und einem coolen Lächeln, und er sieht ziemlich jung aus 😉. Irgendwie ist das sympathisch. Wir hören das Hörbuch «Couchsurfing in Russland», und zusammen mit weiteren Internetrecherchen über Russland ergibt sich ein interessantes Bild von diesem Land, Reto und ich werden langsam zu Putin-Fans…. (darf man das heute noch so sagen? Ja, man darf!, finden wir. Denn, wir finden, wir im Westen haben ein falsches Bild von Russland und Putin, welches sicher auch von «einseitiger» Berichtserstattung herrührt).

Wir kommen in Sotschi an, jedoch, es gefällt uns nicht: es ist voll, laut, wir sehen keine Parkmöglichkeiten, sind frustriert, wissen nicht, was machen – frustriert, da die Strasse nach Sotschi eine Sackgasse ist, die wir wieder zurückmüssen. Georgien wäre zwar so nahe, nur noch wenige Kilometer Luftlinie von der georgischen Grenze entfernt, jedoch ist diese Grenze nicht passierbar (dahinter befindet sich eben die abtrünnige Region Abchasien). Wir überlegen was machen, da beschliessen wir, schonmal zum olympischen Eiskockeystadion zu fahren, in dem wir am nächsten Abend ein Eishockey Match anschauen wollen. Das Stadion befindet sich in Adler, ca. 30 südlich von Sotschi entfernt. Und hier gefällt es uns super!! Breite Strassen, endlose grosse Parkmöglichkeiten, Parks und Zugang zum Meer… Wir finden einen Parkplatz an einem Park, dahinter liegt das Meer, die verschiedenen Olympiastadien befinden sich in Laufdistanz und werden nachts spektakulär bunt in wechselnden Farben beleuchtet. Genau neben dem Parkplatz befindet sich ein Spasspark, eine riesige Ausgehmeile mit Baren und Restaurants, am Meer ist man in einer Minute.

Hier verbringen wir herrliche Spätsommertage, es ist richtig warm, wir sonnen uns am Meer, bummeln in Sommerkleidung die Meer-Promenade entlang, besuchen das Eishockeymatch in einem riesigen, topmodernen Stadion (Sotschis Eishockeyverein, der seit 2014 existiert, verliert leider gegen das sibirische Gegnerteam). Beeindruckend! Ein Eishockey Match in Russland mutet anders an als ein Eishockey Match in der Schweiz. Vielleicht sind das aber die fehlenden Emotionen für die russischen Teams, wer weiss, wir sind ja keine «Fans». In Kloten (EHC Kloten in der Schweiz, Retos Lieblingsverein!) wird getrommelt und angefeuert, gejubelt und laut mitgelitten, in Russland, da läuft es überraschend «gemässigt» ab… hätten wir nicht gedacht!

Okay, der Club von Sotschi existiert erst seit 2014, wir überlegen uns, vielleicht gibt es bisher einfach eine zu wenig eingefleischte Fangemeinde, die über Generationen entsteht?! Und das gegnerische Team ist aus Sibirien, die Anreise für deren Fans natürlich auch extrem weit…

Wir geniessen das Spiel von der «Eis Bar» aus, da gibt es Freibier. Das Stadion ist schon alleine von aussen beeindruckend, von der Grösse her wohl mit dem Stadion in Bern vergleichbar, und es ist sehr modern und von beeindruckender Grösse.

Von den Palmen in Adler ist es nur ein Katzensprung zum „Zermatt“ Russlands, und so fahren wir in den Osten, eine Stichstrasse in den Kaukasus hinein, nach Krasnya Polyana und Rosa Khartum. Vor allem auch hier fanden die olympischen Winterspiele statt, Sprungschanzen sind zu sehen, riesige olympische Dörfer. Es ist ein schöner Bergort, wir nehmen die Gondeln auf den Berg und geniessen «russisches Bergfeeling» 😉, die beiden Bergdörfer sind romantisch, voller Flair. Es fühlt sich ein bisschen an wie in Zermatt….

Nach schönen Tagen in den Bergen müssen wir schliesslich die Stichstrasse wieder zurückfahren, am Schwarzen Meer entlang, auf bergigen Strassen. Endlich können wir wieder frei und wild in der Natur stehen.

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