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Corona-Situation in Georgien, die II

Hallo ihr Lieben

Ich hoffe, ihr seid alle weiterhin gesund, und was vielleicht noch wichtiger ist, ihr kommt einigermassen gut klar mit all den Regularien in Bezug auf Corona!

Ich muss euch gestehen, ich komme nicht sonderlich gut damit klar – ich bin wahnsinnig gerne draussen, rede (wenn auch nur im Smalltalk) mit Menschen, stöbere durch Läden, sitze in Strassencafes und gehe unheimlich gerne in Ausgang… trinke gerne ein Bier an einer Bar und lasse mich bekochen in den tollen georgischen Beizen, denn die georgische Küche ist traumhaft… all das stagniert hier in Georgien aktuell. Und mir schlägt dies, tatsächlich, auf die Psyche. Ich komme nicht gut damit klar und fühle mich genau so, wie es die Regierungen bezwecken: isoliert. Aber, ich muss natürlich auch sagen, dass ich es super finde, wie die georgische Regierung die Situation handhabt! Denn durch diese soziale Isolation wird das Virus hoffentlich schnell unter Kontrolle gebracht, ohne dem Land grossen Schaden zuzufügen! Daher verstehe ich die Massnahmen, finde sie super (und die Zahl der Infizierten ist hier wirklich gering, wie ich finde), nur ich persönlich leide etwas. Nun ja, so kann ich aber auch schon mehr an der Webseite arbeiten ohne schlechtes Gewissen :-). 

Sogar Reto und ich hatten als Paar damit zu kämpfen am Anfang, ständig sassen wir aufeinander. Mittlerweile hat sich das zum Glück gebessert. Wahrscheinlich haben wir uns daran gewöhnt.

Bei uns in Georgien hat sich einiges getan in Sachen Corona seit meinem letzten Bericht:

Da gab es, am 24. März, 67 Infizierte, draussen auf den Strassen war es sehr leer, aber es gab Menschen, und zwar Menschen ohne Mundschutz. Mittlerweile ist es noch leerer geworden, es gibt eine Ausgangssperre (zwischen 21 Uhr und 6 Uhr dürfen wir das Haus nicht verlassen), bei Supermärkten und Apotheken muss man anstehen, denn nur eine begrenzte Anzahl an Menschen darf sich zeitgleich im Laden befinden. Am Eingang vom Supermarkt gibt es Handschuhe, die meisten Georgier laufen mit Mundschutz herum. Gerade dieser Mundschutz macht mir zu schaffen – steht er doch für Isolation, keine Gespräche mehr, kein Lachen, ich sehe den Mund nicht mehr und grosse Teile vom Gesicht, und dies zeigt mir weniger Mimik der Menschen. Die Menschen wenden sich ab, kommt man ihnen zu nahe. Sie halten Abstand, sind aggressiv wird der Abstand nicht eingehalten. Dabei sind die Georgier so ein offenes, herzliches Volk, das so gerne lacht! Tuen sie übrigens immer noch, in der Nachbarschaft hier ist es toll, die Leute immer noch sehr herzlich und offen. Nur eben, wo draussen immer ein kleines, heiteres Schwätzchen mit den Einheimischen möglich war, ist es heute einfach ruhiger. 

Stehen zu viele Leute zB beim Gemüsehändler, fährt der Polizeiwagen vor und bittet die Menschen per Lautsprecher, nicht in Gruppen zusammenzustehen, sondern «alleine» und «für sich» zu bleiben.

Zurück zu den Zahlen: Mitte April, am 14. April, knapp 2 Wochen nach meinem letzten Bericht waren es 157 Infizierte, 1 Toter, jedoch auch 28 Genesene.

Heute, am 19. April, sind es 394 Infizierte, davon aber schon 86 Gesundete, und 4 Todesfälle.

Am 13. April hat die georgische Regierung den Ausnahmezustand verlängert – bis zum 10. Mai (ursprünglich war bis 21. April geplant).

Mittlerweile hat die georgische Regierung Strafen erhoben, falls Personen gegen die Corona-Regeln verstossen, zum Beispiel gegen Quarantäne-Massnahmen. Diese sind empfindlich hoch: ca. 1.000 Euro sind es für Privatpersonen, und ca. 5.000 Euro für juristische Personen. Bedenkt man, dass das Durchschnittseinkommen (je nach Quelle) bei knapp unter 400 Euro liegt, finde ich die Strafen hart. Aber sie sind wahrscheinlich eben auch effektiv. 

Durch die Strassen fahren Priester auf Pritschenwägen und «weihen» die Strassen gegen das Virus:

https://www.youtube.com/watch?v=hlNOloZ5U_Q&feature=youtu.be

(bereits zu Beginn des kurzen Videos vom «ARD Weltspiegel» seht ihr Georgien, reinschauen lohnt sich, wie ich finde)

Manchmal wenn Reto und ich nicht kochen wollen, aber auch nicht rauswollen 😉, dann bestellen wir über einen Dienst, «Glovo», und dieser bietet immense Möglichkeiten: von Supermarktartikel über Medis aus der Apotheke, Essen von Restaurants, aber auch Kleidung, Elektroartikel, Blumen – alles kann man sich in Georgien liefern lassen!

Aber auch da, bestellt werden kann mittlerweile nur noch bis 18:30 (wegen der Ausgangssperre ab 21 Uhr), und die sonst immer so netten Kuriere haben mittlerweile Handschuhe an und überreichen dir das Essen nur noch sehr ungerne.

Hier ist seit Freitag, bis einschliesslich morgen Montag, Ostern (georgisch-christlich-orthodox). Daher gibt es, seit Freitag (wurde erst Donnerstag Abend bekanntgegeben) eine neue Ausgangssperre über die Feiertage: Auto fahren darf man nicht mehr, nicht mal mehr zum Krankenhaus (man muss die Ambulanz rufen im Notfall). Nur noch Motorräder und Fahrräder dürfen fahren, aber nur jeweils mit einer Person. Die Ausgangssperre von 21 Uhr bis 6 Uhr gilt nach wie vor.

Und, die Städte sind abgeriegelt: wir kommen weder aus Batumi raus noch rein. Auch damit soll die Ausbreitung verhindert bzw. minimiert werden. 

Grund dafür sind die Feiertage: traditionell gehen die Georgier an den Feiertagen auf die Gräber, essen und trinken dort und treffen sich. Gräber sind hier ja überall verteilt, überall auf den Hügeln und in den Wiesen. Die Friedhöfe sind schon gesperrt. Wegen den Feiertagen gibt es nun diese 4 Tage, in denen auch keine Taxis fahren, keine öffentlichen Verkehrsmitteln. Reto war mit dem Motorrad ein paar Mal einkaufen, in den weiter entfernten Supermärkten und war dort, quasi, allein! Ein Mundschutz ist jetzt Pflicht, den gibt es in Apotheken zu kaufen.

Wir waren heute lange mit Teddy spazieren, vorbei an zahlreichen Gräbern, wunderschön gelegen in den Hügeln mit Blick aufs Meer, voller Palmen  – und alle sind ausgestattet mit hartgekochten, bunt bemalten Ostereiern, und gezuckertem, ausgepacktem Panettone (ein süsses Weizengebäck, es heisst hier Paska), und, Alkohol. Die Familienmitglieder treffen sich an den Gräbern, essen und trinken zusammen (Alkohol, Wein) und lassen dann etwas für den Toten zurück. Die traditionell rot gefärbten Eier werden natürlich, mit den Wurzeln des Färberkrapp.

Wir haben heute wieder am Unimog gebastelt, reto hat gesägt wie blöd, was ein Lärm! Zum Glück wohnen wir in einer muslimischen Siedlung, und alle Nachbarn um uns herum sind mindestens genauso laut 😉.

Heute standen auch plötzlich unsere Nachbarn im Hof, haben retos Sägetisch bewundert, all sein Werkzeug und seine Materialien, begeistert über das abgeschliffene Holz gefahren und den mog bewundert. Zum Essen und Trinken wurden wir auch eingeladen (leider fasten wir ja gerade, aber ich hoffe, die Nachbarn kommen nochmal darauf zurück).

Reto und ich wünschen euch schöne Sommertage, und hoffen, es geht euch gut.

Bis zum nächsten Mal und herzliche Grüsse

reto und sandra

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